Lorenz Estermann


Katalogtext 2005, Lioba Reddeker






Vom Anschein ... bis Zustand.
Situationsbedingte Anmerkungen zur Arbeit von Lorenz Estermann
Lioba Reddeker


...anschein arbeitsplatz demnach duplikat eigenschaft einheit endlich entwurf ergebnis erosion funktion ichgrenze include indirekt innenraum insert intensität limited normal ordnung result sphäre zerfall zustand...

Wie könnten wir dem Werk von Lorenz Estermann begegnen? Vielleicht, indem die Elemente des Wortpuzzles aus seinen Installationen als Anhaltspunkte für jene Inhalte und Fragen dienen, mit der wir uns den Themen, die den Künstler beschäftigen, annähern. Da geht es um Zustandsbeschreibungen, um Entitäten, um Charakteristika von Äußerem und Innerem, um Versatzstücke aus Texten, die uns täglich umgeben, die manches Mal erklären, ein anderes Mal verführen oder warnen wollen. Es geht um Worte, die in Verträgen zwischen Arbeitgeber und Auftragnehmer genauso aufscheinen können wie im Anpreisen eines neuen Deodorants oder in der Abhandlung einer Philosophiestudentin zur Beziehung von Entwurf und Ordnung. Es sind Fragmente aus vielen BILDERN, die uns ständig umgeben, führen oder verwirren, bei der Hand nehmen oder in Mutmaßungen allein lassen.

Lorenz Estermann placiert diese Worte - auf roh scheinenden Tafeln gemalt, zumeist in schütter wirkendem Layout, aufmontiert auf einen Holzstock, so dass so etwas wie ein SCHILD entsteht - in Landschaften, an Geröllhängen, am Ufer kleiner Waldseen, an der Grenze zwischen Baumbestand und Lichtung, in morastigen Böden, im mäandernden Bett eines Baches, im Wiesenscheitel zwischen zwei sich auftürmenden Felswänden, im Hochgebirge auf 2500 Meter. Sie sind an Unorten installiert, an Plätzen, zu denen kaum andere Menschen finden, ja, sich nicht einmal dorthin verlieren! Sie sind Unorte im Sinne der touristisch allumfassenden Bemühungen einer kompletten Erschließung alpiner Landschaften und Regionen für Wanderer und Naturfreunde. Es sind aber auch Unorte im Sinne der so oft als >Kunst im öffentlichen Raum< gesetzten Interventionen, wie es zum Beispiel Dieter Huber 1998 im Projekt >Autodafé< im Public Space Projekt in Salzburg mit auf Autos angebrachten Worten, die in den Straßen der Stadt unterwegs waren, vorführte ? oder wie es aus Arbeiten Jenny Holzers hinlänglich bekannt ist: >visual radios< in leuchtender Schrift mit Binsenweisheiten an Orten des öffentlichen Lebens, der Kunst, der (kommerziellen) Kommunikation. Bei Holzer wird >die Art des Aussagens, das Stakkato der Sätze, der Rhythmus der Parataxen, die atemlos anhaltende Hysterie im Korsett strenger Formalisierung zum faszinierenden Effekt [...]. Der performative Charakter überflutet den konstativen. Die Inszenierung dominiert die Aussagen.< (P. Herbstreuth zu Jenny Holzers >OH< in der Berliner Nationalgealerie; Kunstforum International Bd, 154).

Ganz anders hingegen agiert Lorenz Estermann mit seinen Messages, die niemanden erreichen, mit den sorglos gemalten Schildern, die die gesamte Technologie der letzten Jahrzehnte ignorieren. Einsame und stumme Träger ungesehener und ungehörter Botschaften, die einzig durch eine Dokumentation wie in diesem Katalog die Öffentlichkeit adressieren. Und versucht man dann, die Orte zu identifizieren, eine Relation zwischen Ort und Aussage zu erspähen, so kann sich ganz unmerklich aber nachhaltig der Blick auf ein zunächst bedeutungslos wirkendes Waldstück verwandeln ? in etwas Einzigartiges, Unverwechselbares, in einen Platz, der mit den Projektionen des Betrachters aufgeladen und dadurch mit Bedeutung ausgestattet wird.

Estermann besetzt diese (un-)heimlichen Räume aber auch noch auf andere Weise. Bei ihm mutiert der Hochstand im Wald zum Kiosk ohne Warenangebot, irgendwann und irgendwo für kurze Momente in der freien Natur aufgestellt, mit Farben >bezeichnet<, die offen lassen, ob sie tarnen oder enthüllen sollen. Solcherart Objekte treten dann auch in anderen Räumen auf, in Kunsträumen, in Galerien, gemeinsam arrangiert mit Zeichnung und Malerei ? denn eigentlich stammt Lorenz Estermann von dort, aus der Zweidimensionalität. Bei ihm entsteht zunächst eine Zeichnung, aus der heraus entwickelt er die Skulptur, das Objekt; das wiederum wird dann an einem bestimmten Ort installiert und ? kehrt zurück in sein zweidimensionales Abbild, das Foto. Seit einigen Jahren fotografiert Estermann für sein Archiv, sammelt dort unzählige Abbildungen von Objekten und Architektur und untersucht, wie die Maßstäbe, die Relationen von Objekt und Raum, immer undeutlicher, immer schwerer einzuschätzen werden. An Estermanns Arbeitsplatz mutiert die Welt zum Modell, wird das Wellblech zur Wellpappe, wird aus der Jagdhütte der Kiosk. Es entsteht eine Funktionsverschiebung durch Objekte an falschen Orten mit falscher Ergonomie, einzig mit Sinn ausgestattet durch diese künstlerische Setzung. Dass Estermann aus der Malerei kommt, verbindet ihn mit einem anderen >Modellbauer< unter den österreichischen Künstlern ? mit Lois Renner, der mit seinen Miniaturausgaben von Ateliersituationen auch an räumlichen Verunklarungen arbeitet, an Funktionsverlagerungen laboriert und das Verfahren des Blow Up, wie es in der Pop Art erprobt wurde, um durch die Vergrößerung eine Maßstabsverwirrung, eine ästhetische Verfremdung zu erzielen, geradezu umkehrt.
Die Arbeiten von Lorenz Estermann sind ein lapidarer und gleichzeitig prägnanter und zielsicherer Kommentar zur Verschiebung von Maßstäben zwischen Mensch und Ding, zwischen global und lokal, zwischen Reiz und Wahrnehmung, Abhängigkeit und Selbstbestimmung. Die Objekte trauen ihrem äußeren ANSCHEIN selber nicht und fordern uns auf, genau hinzuschauen, zu untersuchen, was ihre Funktion tatsächlich ist und wie heute noch Bilder geschaffen werden können von dieser Welt im ZUSTAND ständiger Transformation, von einer Welt, deren Ressourcen ohne Unterlaß verwertet werden, um Funktionen zu bedienen, deren Sinnhaftigkeit oftmals von zweifelhafter Natur ist. Übrigens ? das Schild NATUR findet sich bisher in Estermanns Arbeiten (noch?) nicht!