Lorenz Estermann


Kurztext Florian Steininger





Raumerfahrung auf der Matrix des Bildes

In Lorenz Estermanns aktuellem künstlerischen Konzept hat die >räumliche Kontextualisierung< auf vielfältige Weise eine zentrale Bedeutung. Während dieses Kriterium in seinen Bildern - meist in zeichnerischen Arbeiten auf Papier - auch als imaginäre Erfahrung von gesehener Welt zu finden ist, sind seine neuen Werke nun architektonisch anmutende Objekte, die sowohl den Real- und somit Alltagsraum intervenieren, als auch als Projektionsmotive für autonome virtuelle Raumsituationen fungieren können.
Elementarer Ausgangspunkt dabei ist das gedankliche Moment des Künstlers, das sich motivisch-räumlich manifestiert, ohne mit der konkreten Abbildung der Wirklichkeit verbunden zu sein. Es ist mehr als Konglomerat und als eine heterogene Summe von unterschiedlichen gelebten oder imaginierten Raumsituationen zu verstehen.
Diese >gedanklich-räumliche Definition< tritt in unterschiedlichen Facetten auf. Bei seinen Arbeiten auf Papier aus den letzten fünf Jahren etwa sind es Montagen aus einzelnen Abbildern, gespeist durch fotografische Abzüge aus seinem umfangreichen Archiv, die in einen kompositorischen Kontext gestellt und durch malerisch und zeichnerische Mittel wie Spachtelzüge oder prozessuale Striche des Stifts in ein erweitertes Spannungsfeld geführt werden. Bei einer Vielzahl dieser Werke bestimmt der zitierte Raum - ob landschaftlich oder architektonisch ausgerichtet - das Bildgeschehen. Die persönliche Handschrift ist hier radikal zurückgedrängt. Estermann beginnt ab 2003 nun auch Architekturen en miniature zu konstruieren - streng konstruktivistische Hochstände, Stadiontribünen, Gerüste, aber ohne alltagsbezogene Funktion. In Folge entstehen gezimmerte architektonische >Raumstücke< aus Sperrholz und Pappe. Wie auch auf dem Papier die unterschiedlichen Räume und architektonischen Elemente eine heterogene Struktur im Bild erzeugt haben, ja narrativ und in der Erinnerung wurzeln, sind auch die neuen dreidimensionalen Objekte zu bewerten. Es sind sensitive, verspielte ja manchmal groteske Montagen und Konstrukte von möglichen und von erfahrenen Raumsituationen: ein Hochstand, eine Werbetafel, ein Kiosk, eine Rampe, die zum Wasser führt, eine Einbauküche, Separées, Billigläden, Telephonzellen für indische Ferngespräche, usw. Sie dienen anfänglich noch lediglich als dreidimensionale Motivvorlagen für seine Zeichnungen. Erst in weiterer Folge ab 2004/05 werden die Modelle als autonome skulpturale Objekte auch nach außen hin präsentiert.
Florian Steininger